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Klassische Musik und Oper von Classissima

Riccardo Muti

Sonntag 2. August 2015


Crescendo

22. November

Gute Besserung, Publikum! - Gute Besserung, Publikum!

CrescendoDie Klassik-Stars sind krank? Nein! Es ist unsere Erwartung, die kränkelt. Dagegen gibt es zwar keine Pille, wohl aber ein Rezept.Kranke verdienen Mitgefühl, Trost und Hilfe. All das ist im Klassik-Betrieb keine Selbstverständlichkeit. Bei jeder Absage eines Künstlers schicken Veranstalter, Publikum und Presse nicht nur Genesungswünsche, oft schwingt Enttäuschung mit. Und gute Ratschläge lassen nicht lange auf sich warten: die Klassik-Stars würden angeblich verheizt! Viele müssten einfach öfter Nein sagen. Und überhaupt: der Markt sei schuld an der Krankinitis im internationalen Klassik-Bizz. Dummerweise sind wir alle dieser blöde Markt. Und mit Verlaub, ich kann diese Häme und Besserwisserei so langsam nicht mehr hören! Von altklugen Diven wie Brigitte Fassbaender, Edda Moser oder Christa Ludwig, die dauernd erklären, dass früher alles besser war, dass es keine Stimmschule mehr gäbe, dass die Oberfläche siegen würde und Künstler gar keine Zeit mehr für die Kunst hätten. So, als ob Maria Callas, Glenn Gould oder Carlos Kleiber nie abgesagt hätten. Ganz besonders aber gehen mir die anonymen Kommentatoren in den Klassik-Foren auf den Senkel, die uns mit ihrer Anti-Haltung „vollspamen“ und glauben, besonders mutig zu sein, wenn sie ihr Pseudonym unter Texte setzen, in denen sie wüten, dass „der Villazón doch eh am Ende ist – und das hat er auch verdient. Mochte ihn nie!“, oder dass „der Kaufmann, diese Lusche“ sowieso nicht singen kann, oder dass „der Alagna nicht krank war, sondern einen Knall hat. Gut so, dass er am Ende ist“. Mit Verlaub, aber DAS ist wirklich krank! Können wir bitte mal innehalten? Dass der Klassikstar als Mensch nicht immer funktioniert, ist normal. Der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer fehlt krankheitsbedingt 14 Tage im Jahr. Und Musiker sind schon bei einer kleinen Grippe arbeitsunfähig. Dass im Vergleich so wenige Konzerte ausfallen, zeigt, wie gesund sie in Wirklichkeit sind. Interessant ist, dass der allgemeine deutsche Krankenstand mit der Arbeitslosenquote korreliert. Je weniger Arbeitslose, desto eher melden sich die Arbeitnehmer krank. Mit anderen Worten: Bei Angst um den Jobverlust kommen wir auch mit Grippe ins Büro, je sicherer wir uns fühlen, desto eher nehmen wir uns einen Tag frei. Stress, Konkurrenz und die dauernde Beobachtung gehören zum Alltag des Klassik-Betriebs. Oft werden Musiker mit Spitzensportlern verglichen, aber ein Leichtathlet trainiert mit Ruhephasen und Regenerationen jahrelang auf die 10 Sekunden seines 100-Meter-Laufs bei Olympia hin. Ein Pianist, ein Dirigent oder ein Sänger muss 50, 70 oder 100 Abende im Jahr alles geben: beim Kammerkonzert in Kleinkleckersdorf ebenso wie bei der Premiere an der MET. Und es ist erst einmal logisch, dass viele Künstler – so wie Arbeitnehmer – versuchen, anzutreten. Koste es, was es wolle. Wenn Roberto Alagna, wie neulich bei einer Don-Carlo-Aufführung in Wien, mitten in der Vorführung aussteigt und das Final-Duett als Solo gegeben wird, oder wenn Rolando Villazón wie vor einem Jahr im Konzerthaus Berlin einen Mozart-Abend nach zwei Arien abbricht, kriechen die Besserwisser aus ihren Löchern und schreien: unklug, ungesund – unmusikalisch! Oft geben wir viel Geld für Eintrittskarten aus, und es ist verständlich, dass wir bei einer Absage enttäuscht sind. Aber bitte, sparen wir uns den Spott, der selbst über Künstlern ausgegossen wird, die unter realen körperlichen Krankheiten leiden, etwa Hélène Grimaud, deren Hüfte immer wieder Probleme macht, oder Hilary Hahn, die gerade eine Muskelverletzung auskuriert, über die nicht mehr ganz jungen Dirigenten Ricardo Muti und James Levine, die einfach nicht immer dann fit sind, wenn ein Konzert auf dem Programm steht. Und hören wir bitte damit auf, die Krankheit der Klassik auszurufen. Natürlich ist es richtig, dass Musikern heute viel abverlangt wird. Sie müssen Interviews geben, werden wie Zirkuspferde durch die Arenen getrieben, ihre Terminkalender werden oft vier oder fünf Jahre im Voraus organisiert. Und ja, manchmal können sie einfach nicht Nein sagen, verstehen am Höhepunkt ihrer Karrieren nicht, dass sie in zwei Jahren vielleicht mal eine Ruhepause bräuchten. Dabei geht es nicht einmal immer um das Geld und das große Abkassieren. Musiker sind Künstler, die für ihre Kunst leben, die um die Erwartungen ihres Publikums wissen. Sie sind Gladiatoren unserer Zeit, die ihr Leben und ihre Existenz für unseren Genuss aufs Spiel setzen. Oder sie sind – wenn sie nicht in der Championsleague spielen – schlicht und einfach existenziell abhängig vom eigenen Funktionieren. Es ist bewundernswert, dass Leute wie Kit Armstrong oder Rafał Blechacz nicht über 50 Konzerte im Jahr geben, dass sie sich Auszeiten für das Komponieren oder andere Hobbys gönnen. Dass Christian Thielemann, der mit Rückenschmerzen kämpft, weiß, was er sich zumuten kann und was er annimmt und absagt – meist sind es die zeitaufwändigen PR-Termine. Wie schwer genau das ist, erfahren Sängerinnen wie Anna Netrebko, die aus ihrer Krise 2012 (ein Jahr, in dem auch Jonas Kaufmann und Natalie Dessay pausieren mussten) gelernt haben, die sich inzwischen auf das Singen konzentrieren, auf die behutsame Ausweitung ihrer Klangzone: Macbeth, Vier letzte Lieder und Elsa. Die ihre Familie in den Mittelpunkt stellen und sich inzwischen ein eigenes Tempo in der Öffentlichkeitsarbeit genehmigen. Aber auch das ist uns nicht recht: Selbst weitgehend unbedeutende Online-Portale wie „Klassik4Kids“ zicken herum und berichten ihren jungen Lesern, wie divenhaft die Netrebko sei, da sie keine Zeit für ein Interview habe. "Künstler sind Gladiatoren unserer Zeit, die ihr Leben und ihre Existenz für unseren Genuss aufs Spiel setzen." Ich persönlich habe den Eindruck, dass der Garant der Gesundheit für Künstler in erster Linie ihre Zufriedenheit ist: Klaus Florian Vogt, der mit Frau und Kindern nach Bayreuth reist, zwischen den Proben im Schwimmbad sitzt, der mit einer alten Propellermaschine zu den Konzerten fliegt und sich Abwechslung mit dem Studium von Luftwegen und Wetterberichten verschafft, ist so ein Typ. Einer, dem es gelingt, den Ausnahmezustand auf der Bühne familiär und privat zu erden. So ein Künstler wird seltener krank. Aber das kann nun einmal nicht jeder. Ivo Pogorelich ist eher unberechenbar, und eine Sängerin wie Elisabeth Kulman hadert permanent in der Öffentlichkeit mit dem eigenen Anspruch an den Körper und seinen gesundheitlichen Möglichkeiten. Sie ist fraglos eine der besten Mezzo-Sopranistinnen unserer Zeit. Aber wenn man etwa ihre Facebook-Posts verfolgt, blickt man tief in eine zerrissene Seele: Erst kämpft Kulman bis zur Erschöpfung für die Rechte von Musikern, dann postet sie vor jedem Konzert eine Grußbotschaft für ihre Gemeinde aus der Garderobe, irgendwann kam der Zusammenbruch, und sie versucht, ihre Absagen (neulich bei Chowantschina in Wien) wortreich zu legitimieren. Selbst in der Ruhephase kann sie es nicht lassen, mit ihren Fans zu kommunizieren und ihre Seelenlage zu offenbaren. Inzwischen schickt sie Gedichte wie dieses in die Welt: „Ich gehe meinen Weg, meiner inneren Stimme folgend. Wenn ich sie überhöre, wird sie zur dröhnenden Sirene.“ Es ist bedrückend, diese Unausgeglichenheit zu verfolgen, zu sehen, wie der Betrieb, die eigenen Anforderungen, der Eros der Öffentlichkeit und das Versagen des Körpers das rastlose Denken ohne Kern bestimmen. Natürlich gibt es auch Künstler, die freiwillig Raubbau an ihrem Körper betreiben und die Enttäuschung des Publikums in Kauf nehmen. Der russische Dirigent Valery Gergiev musste neulich ein Konzert der Münchner Philharmoniker in Shanghai absagen, da er parallel zur Tour mit dem Mariinsky-Orchester in Japan konzertierte. Wegen eines Taifuns saß er fest. Im Oktober wollte Gergiev 26 Konzerte geben – 25 hat er absolviert. Das ist nicht nur schlecht für ihn, sondern auch für seine Orchester und seine Zuhörer. Aber was machen wir nun? Ich glaube, dass der wirkliche Keim der Krankheit des Betriebs unser Umgang mit der Klassik ist. Wir lassen sie nur noch in der hohen Luft spielen. Intendanten, Fernsehmacher und ein Großteil des Publikums betreibt Starkult. Das große Geld und die großen Gefühle, so denken wir, können nur die wenigen Künstler garantieren, die gerade gehypt werden – und von ihnen erwarten wir Aufopferung und Selbstzerstörung. Und die schenken sie uns – ohne Rücksicht auf ihren Körper und ihre Familien. Wenn sie dann am Boden liegen, folgt die Häme. Gegen diese Krankheit gibt es keine Pille, wohl aber ein Rezept. Fakt ist, dass die Musik an der Basis durchaus gesund ist: Selten gab es so viele, so gut ausgebildete, so leidenschaftliche Musiker wie heute. Und es würde schon helfen, wenn wir die Klassik endlich wieder als Kunst der Entdeckung begreifen, als Ort der Vielfalt, als Abenteuer der unterschiedlichen Möglichkeiten. Erst wenn wir bei einem Einspringer erkennen, dass wir bei der Geburt eines neuen Stars dabei sein können, wenn wir neugieriger auf den Nachwuchs werden als auf das Event, würden wir die wenigen Superstars entlasten. Es muss darum gehen, Musik wieder in ihrer Breite zu erleben und die Anstrengungen auf viele Schultern zu verteilen. Mit dieser Neugier würde es uns auch nicht schwerfallen, Künstlern, die krank werden, einfach nur gute Besserung zu wünschen! Axel Brüggemann

Crescendo

8. Mai

Video der Woche: Das CSO und Beethovens Neunte - Video der Woche: Das CSO und Beethovens Neunte

Feierlicher kann man eine Spielzeit kaum eröffnen: Zum Startschuss der Saison 2014/15 führte das Chicago Symphony Orchestra (CSO) unter seinem musikalischen Leiter Riccardo Muti Beethovens Neunte auf. Jetzt stellt das Orchester den Konzertmitschnitt als kostenfreies Video zur Verfügung. Solisten sind die Sopranistin Camilla Nylund, die Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova, der Tenor Matthew Polenzani und der Bassbariton Eric Owens.






Riccardo Muti

Riccardo Muti (28. Juli 1941) ist ein italienischer Dirigent. Am 1. Januar 2000 wurde er einem Millionenpublikum bekannt, als er die Wiener Philharmoniker zur Begrüßung des neuen Jahres und des neuen Jahrtausends dirigierte, was weltweit im Fernsehen übertragen wurde.



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